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SCHWARZER ABT UND
SCHWARZER TEE

Dieser Text wurde von dem Kelheimer Sportfreund Hans-Martin Linn
(3. über 100 km gemeinsam mit Thomas Hopfinger) verfasst.

Wer vermutet in Nordostdeutschland eine katholische Klosterkirche, deren Prunk mit jeder niederbayerischen Wallfahrtskirche mithalten kann, die aber eher die Größe eines Doms aufweist? Thomas und ich jedenfalls nicht und um so größer war die Überraschung, am A.... der (deutschen) Welt, nach mehrstündiger Fahrt eine solche anzutreffen. Exakt unter dem Klosterportal sollte um Mitternacht der Start zum ersten 100km-Event um Neuzelle gestartet werden.....man durfte gespannt sein!
Beim zweitgrößten Gebäude der Region dürfte es sich um die nagelneue Riesensporthalle handeln (hier wurde unser Soli gut investiert!); die 2 Fremden wurden herzlich begrüßt, Startunterlagen ausgegeben und über die Sehenswürdigkeiten der Gegend referiert.

Magisch angezogen fühlten wir uns von der benachbarten Klosterbrauerei. „Schwarzer Abt“ nannte sich ein süßes Gesöff, das ergänzt mit einem frischen Pils bei mir 6h vorm Start ungeahnte Rauschzustände hervorrief.

Dennoch war an Schlafen auf den eigens mitgebrachten Luftmatratzen nicht zu denken, so dass wir uns nach dem Abendessen in den Klosterhof begaben. Dort wurde mittlerweile von einer DDR-Blues-Kultband namens „Engerling“(!) kräftig eingeheizt. In unseren knallroten r&b-Trainingsanzügen wurde uns mindestens die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wie den Dröhn-Engerlingen und wir durften den ganzen Abend Nachhilfe in Geographie und Duathlon-Regelwerk erteilen.

Um 23.15Uhr ging´s zurück zur Halle, um den Rucksack zu packen, die Lampen zu richten und das Rad zu präparieren. Nachdem es im Eingangsbereich merklich ruhiger wurde waren auch wir eine Viertelstunde vor Mitternacht bereit, uns zur Startlinie zu begeben.....wäre da nicht die Eingangstür von außen zugesperrt gewesen! War das die Rache für mittlerweile 12 Jahre Besetzung durch den kapitalistischen Westen? Sollten wir Gefangene polnischer Schleuserbanden sein?

Es war wohl einfach nur ein Versehen! Ein zufällig noch vor der Halle postierter Sanitäter organisierte den Hallenschlüssel und wir standen, zwar in der letzten Reihe, aber erleichtert um 5 vor 12 wieder im Klosterinnenhof.

Dann ging´s pünktlich los in eine laue, allerdings mondlose und damit stockfinstere Nacht! Zunächst Tom auf dem Rad, ich per pedes (wie sonst?!); zwei erste Hügel brachten uns bereits recht weit nach vorne. Auf gut(!) asphaltierten Nebenstraßen sowie einigen sandigen, aber dennoch einigermaßen ordentlichen Feldwegen liefen/fuhren wir von Dorf zu Dorf, wo teilweise echte Party-Stimmung herrschte. An einer Stelle wurden sogar für die vorbeikommenden Teams Raketen abgefeuert.... und das um halb 2 in der Früh!

Nach 12km erstmals gewechselt hatten wir uns mit einem zweiten Team verbündet, von 37 Teams etwa an 6./7. Stelle liegend. Insgesamt 3-mal wurden wir von einem 2h26min.-Marathonmann überholt....sein Kollege fiel leistungsmäßig etwas ab, so dass wir immer wieder auflaufen konnten. Irgendwann haben wir sie dann ganz aus den Augen verloren....hinter uns natürlich!....;-)))))) Tom lief ein gigantisches Tempo! Es grenzte schon an Harakiri, was wir da abzogen, denn niemand konnte zu diesem Zeitpunkt erahnen, ob sich das nicht im Laufe der Nacht noch rächen würde!

Nachdem wir uns auf 2 kürzeren Distanzen regelrecht warmgelaufen hatten sollte es im 20km-Rhythmus weitergehen. Ich lief zunächst mit dem stärkeren der beiden Kollegen, einem 1h12min.-Halbmarathoni, dem allerdings die Streckenlänge den nötigen Respekt einflößte, wodurch ich sein etwas gedämpftes Tempo mitlaufen konnte. Die beiden wechselten nach 10km, so dass ich plötzlich alleine war. Auch Tom blieb zunächst zurück, um die Batterien der Radbeleuchtung zu wechseln, aber auch mit der Stirnlampe allein war der Weg gut ausgeleuchtet. Von Km20 bis 42 verlief die Strecke auf dem nagelneuen und asphaltierten Radweg entlang der Oder und war somit auch bei Nacht problemlos zu belaufen.

Motiviert im Wissen, dass nun der Schwächere der beiden Kollegen am Laufen war, behielt ich das hohe Tempo bei. Nach dem nächsten Wechsel auf Tom ließ ich mir beim Pinkeln, Umziehen, Froschkonzert und Nachtigallen lauschen etwas Zeit, um den Abstand zu den nächsten Teams festzustellen. Da unser Vorstand immer noch lief, als wäre die gesamte Russenmafia hinter ihm her, hatte ich alle Mühe, wieder an ihn heranzufahren. Der Abstand zur Konkurrenz war beträchtlich und trug wesentlich dazu bei, dass wir ohne nachzulassen unser Tempo beibehielten.

Bis Km 55 blieb der Untergrund asphaltiert. An den Abzweigungen standen zusätzlich zu weißen Schildern stets Helfer, die uns den Weg wiesen. Nur an einer Stelle stand niemand und wer unachtsam das aufgestellte Schild übersah rauschte unaufhaltsam geradeaus ins Nirwana. So auch unsere direkten Verfolger, bei denen der Läufer richtig abbog, der mit (zu großem) Abstand folgende Radfahrer bis zum nächsten Dorf geradeaus fuhr und von der Feuerwehr wieder auf den richtigen Weg zurückgeschickt werden musste.

Beim Kontrollpunkt Km53 erfuhren wir, dass wir an 3. Stelle lagen, für uns absolut unglaublich!!! Dazu wurde es bereits hell und auf einer Welle der Euphorie ließen wir einfach nicht locker. Wer uns diesen Platz noch abnehmen wollte sollte sich wenigstens anstrengen müssen!

Die Wege wurden holprig, zum Teil sehr sandig, dazu tiefe Löcher und abartiges Kopfsteinpflaster, das allerdings meistens auf kleinen Pfädchen am Straßenrand umlaufen werden konnte. Dafür wurde es immer heller und wir konnten unsere Lampen ausschalten. Wir liefen durch wunderschöne Landschaften, uralte Wälder mit stillen Seen, einfach traumhaft! Bei ständigem Auf und Ab (insgesamt haben wir fast 500 Höhenmeter absolviert) wurden natürlich die Beine allmählich müde, aber die Aufmunterungen, Beschimpfungen („Quäl Dich, Du S..!“) und dummen Witze des radelnden Kollegen hielten uns aufrecht! Dazu das Gefühl, von einer Meute hungriger Wölfe gehetzt zu werden....wir rannten um unser Leben!!!!

Nach 80km ging Tom auf seine finale 10km-Strecke.....ich hatte genau 45min. Zeit, um wieder zu Kräften zu kommen....dabei war ich kaum mehr fähig, auf´s Rad zu steigen. Und Tom gab alles!!! „Die Beine gehen zu.....scheißegal!“....Und dann noch ein paar kräftige Anstiege, immerhin Asphalt, aber dennoch heftig. Die letzten 2km ist er wohl mehr geflogen als gelaufen!

Dann der letzte Wechsel bei Km 90! Erstmals kurzer Zwischenstopp von uns beiden am letzten Kontroll- und Verpflegungspunkt (zuvor hatte jeweils nur der Radfahrer gehalten, um den Stempel abzuholen). Unsere eigenen Iso-, Apfelschorle- und Cola-Vorräte waren schließlich aufgebraucht; also greift man notgedrungen zum schwarzen Tee, nicht jedermann´s Geschmack, aber man will ja nicht undankbar sein!

„Noch´n Kilometer, dann jibt et bis Neuzelle nur noch scheiß Kopfsteinpflaster!“

Na, herzlichen Dank! Antwort von Tom: “Das macht nix, der ist Kopfsteinpflasterspezialist!“.....Wie bitte? Ich bin zu schwach, um dem Unsinn irgend etwas zu erwidern und zuckle los....Aber was heißt da zuckeln? Im guten 4er Schnitt geht´s Richtung Ziel! In dem Wissen, dass uns niemand mehr unsere Platzierung nehmen kann gibt es kein Halten mehr. Die letzten 2km, dann wieder auf Asphalt werden zu unserem persönlichen Triumphzug und der Zieleinlauf wird aufgesogen bis in die letzte Zelle unseres Langzeitgedächtnisses.

Durchgeschwitzt und abgekämpft geben wir der Lokalpresse Interviews, lassen uns willenlos von Dorfschönheiten umarmen und genießen den Augenblick....und das um halb 8 in der Früh!!!

Die Erstplatzierten waren wohl eher von einem anderen Stern: Zusammen vielleicht 120kg schwer waren die Beiden (Vater und Sohn) nochmals 45min. schneller als wir, das macht einen Km-Schnitt von unter 4 min.......Auch die Zweitplatzierten waren mit 19min. Vorsprung nicht erreichbar.....aber sicher haben wir unsere Gewichtsklasse gewonnen!!!

Dafür hatte das 4.-platzierte Team nochmals 14min. auf uns verloren. Dem Team mit dem 1h12-Läufer ist am Ende tatsächlich etwas die Luft ausgegangen und sie mussten ab Km80 alle 15min. wechseln.

Als dieses Team eintraf waren wir bereits auf dem Weg zur Halle (die nicht abgeschlossen war!) und in der bereits ein Physio-Team auf unsere geschundenen Waden wartete. Nach Dusche und Massage wieder ein vergeblicher Versuch, eine Mütze Schlaf zu erhaschen. Also langsam alles zusammengepackt und wieder zurück zum Kloster, wo uns bereits bekannte Klänge entgegen dröhnten: Die nimmermüden „Engerlinge“ gaben ihr Frühstückskonzert!

Wir machten es uns gemütlich, tranken guten Kaffee und beklatschten die eintreffenden Teams. Gegen 11 Uhr kamen dann schon die ersten Teams der 42km-Weichflöten-Runde, die um 8 Uhr gestartet waren (lächerlich!....;-)))) ).

Schließlich begann mit etwas Verzögerung gegen ¾ 12 unsere Siegerehrung, in deren Verlauf uns nicht nur eine Rose, sondern auch ein Briefumschlag überreicht wurde: 100€!....Das erste (und wahrscheinlich letzte) Preisgeld unserer „Karriere“!

Gegen 12 Uhr (es waren immer noch einige Teams auf der 100km-Strecke!) dann die große Verabschiedungszeremonie, nachdem wir die Einladung zur Übernachtung durchaus schweren Herzens abgeschlagen hatten. Aber wir wollten zum Muttertag zuhause sein und was man verspricht.....

Schließlich sind wir nach zwei kurzen Pausen (McKotz bei Riesa und BAB-Parkplatz bei Plauen mit 20min. Döspause) wieder am späten Nachmittag zu hause aufgeschlagen. Vom abendlichen Pokalendspiel habe ich ehrlich gesagt nicht mehr allzu viel mitbekommen. 36h ohne Schlaf fordern doch irgendwann ihren Tribut.....

Fazit: Eigentlich schade, dass wir nur zu zweit dieses kleine Abenteuer erleben durften. Aber die Freunde in Brandenburg planen ja bereits eine Wiederholung im nächsten Jahr! Vielleicht schaffen wir es, mit einer größeren Mannschaft ein ganzes Wochenende einzuplanen; dann lohnt sich die Anfahrt noch mehr. Und ein 2-er Team Stadler/Beckstein könnte den Jungs auf den vorderen Plätzen doch kräftig einheizen!....;-)))))) Aber zunächst können wir natürlich abwarten, ob die Brandenburger zu einem Gegenbesuch bei uns einschneien; geplant wäre hierbei unser Halbmarathon am 29.09.02.

Fotos der Veranstaltung »

 

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